Vermissen

Vor einigen Tagen wurde ich gefragt, wie ich mit „Vermissen“ umgehe. Wow, was für eine Frage. Es wirkt noch nach. Das habe ich geantwortet:

„Vermissen gehört für mich zum Loslassen. Ich vermisse einiges, von dem ich weiß, dass es besser für mich ist, es loszulassen. Da wird das Vermissen eher zur Melancholie. Und dann gibt es gerade das Vermissen nach Ich-Zeit, nach Umarmungen, nach Kunst, nach Austausch, nach Begegnung. Das würde ich eher sehnsuchtsvolles Vermissen nennen. Von dem ich einfach glauben muss, dass es zu mir zurück kommt und ich hoffe ich genieße diese Augenblicke dann mehr als vorher. Dann gibt es für mich noch das schmerzliche Vermissen von Dingen, die ich nicht zurückholen kann…“

Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, wie vielschichtig dieses Thema, dieses Wort doch ist.

Vermissen. Missen. Vermutlich gibt es zahlreiche Arten von Vermissen und auch unterschiedliche Stärkegrade. Ein bisschen, etwas mehr, noch mehr, so, dass es weh tut. Dann habe ich mich gefragt, ob es leichter ist, wenn man sich selbst dazu entschieden hat. Für mich kann ich ganz klar sagen: Kommt drauf an. Nicht ganz klar, ich weiß. Aber Vermissen ist subjektiv. Vermissen ist nicht messbar, nicht vergleichbar.

Auch, wenn ich weiß, dass etwas nicht gut für mich ist, kann ich es doch vermissen.

Für mich gibt es auch ein verklärtes Vermissen. Wie soll ich das nur beschreiben? Wenn ich an meine Kindheit und Jugend denke, dann kommen mir gleich Gesichter in den Sinn. Menschen, Freunde, die prägend für diese Zeit waren. Besonders eine Freundin, die jahrelang zu meinem Leben gehörte, die wie Familie für mich war. Sie vermisse ich heute noch sehr. Nur, wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich, dass nicht alles wunderbar war. Das ist es doch nie. Das gehört dazu. Die nicht so schönen Dinge verschwimmen mit den Jahren immer mehr und ich erinnere mich leuchtender an die Augenblicke, die ich festhalten möchte. An die ich mich erinnern möchte. Die vermisse ich. Aber mir ist klar, dass ich die nicht einfach so zurückholen kann. Dazwischen liegen viele, viele Jahre. Wir sind nun andere Menschen als damals, haben ein anderes Leben und würden uns nun anders begegnen.

Man sagt oft, ein Mensch verändert sich nicht. Was für ein Quatsch. Zum Glück verändern wir uns täglich. Ich möchte auch nicht wieder zurück zu dem Ich von damals. Das Ich. Was ist das Ich eigentlich?

Manchmal kommt mir das Ich abhanden.

In diesen Momenten vermisse ich mich, mein altes Ich, mein Vor-Corona-Ich. Dieses Ich, das etwas unbeschwerter, etwas leichter war. Dieses Ich war nicht weniger nachdenklich, aber es schaute etwas weniger besorgt in die Zukunft. Es ging leichter daher, sprach in einem etwas helleren Ton, summte manchmal vor sich hin, heckte ständig neue Ideen aus. Dieses verrückte Ich, das vermisse ich.

Gestern Abend kam es kurz zum Vorschein, es tanzte ausgelassen zu völlig absurden Kinderliedern mit der kleinen Möhre durchs gesamte Wohnzimmer. Dann kam noch der Papa von der Möhre hinzu und es gab für einen kleinen Augenblick kein Vermissen mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.